Geschichte II
Immer, wenn es „Rund um das Bayer-Kreuz“ geht, reiben sich die Statistiker, die nach den Ergebnissen der Vergangenheit suchen, verwundert die Augen. Denn das Alter des Rennens stimmt nicht mit der Anzahl seiner Austragungen überein. Grund für die Diskrepanz ist eine vierjährige Pause, die durch den Golfkrieg im Jahr 1991 ausgelöst wurde.
Weil große Konzerne wie die Bayer AG zu dieser Zeit ihre Sicherheitsvorkehrungen aus Angst vor terroristischen Anschlägen deutlich erhöhten, stand den Veranstaltern vom TSV Bayer 04 um ihren Cheforganisator Manfred Dachrodt das Hochhaus W1 nicht wie gewohnt zur Verfügung. In den Jahren zuvor war dieses meist am zweiten März-Wochenende eines jeden Jahres von Hunderten Läuferinnen und Läufern bevölkert worden. Sie holten sich in der damaligen Bayer-Konzernzentrale nicht nur ihre Startnummern ab, sondern zogen sich auch um, wurden versorgt und fühlten sich an diesen Tagen im W1 wie zu Hause.
„Die Absage durch den Bayer Vorstand kam wenige Wochen vor der Veranstaltung“, erinnerte sich Manfred Dachrodt aus Anlass des 25. Jubiläumslaufes: „Eigentlich war schon alles für die 14. Auflage von ‚Rund um das Bayer-Kreuz’ vorbereitet, die Startnummern gedruckt und das Startgeld kassiert. Es blieb gerade noch genug Zeit, allen Teilnehmern Bescheid zu geben.“ Für Dachrodt war die Absage zugleich der Anlass, selbst den Rückzug aus dem Organisationsteam anzutreten. „Nach 14 Jahren mit 13 Rennen habe ich gesagt, ‚jetzt reicht’s’“, berichtete der ehemalige Agfa-Mitarbeiter.
Dachrodt hatte das Rennen zusammen mit Günter Pickrun, Heinz Sonnberger und Hans Schlegel 1978 ins Leben gerufen. „Wir waren damals eine relativ große Bayer-04-Gruppe von Altersklassenläufern, die bei vielen Rennen im Kölner Raum mitgemacht hat“, so Dachrodt: „Irgendwann kam uns dann der Gedanke, mal etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.“ Die Idee einer Laufveranstaltung in Leverkusen war geboren. Doch zuerst galt es, eine Strecke zu finden, die möglichst flach und organisatorisch gut zu beherrschen war. Dachrodt und sein Team entschieden sich für einen 2005 Meter langen Rundkurs im und um den Carl-Duisberg-Park. Bei den ersten Auflagen befanden sich Start und Ziel jeweils noch am ehemaligen CD-Bad, dann erst erfolgte der Umzug zum W1.
„Eine asphaltierte, flache und exakt vermessene Runde war damals etwas Besonderes“, erklärte Dachrodt. Auch die Chefetage des Bayer-Konzern war von der Idee des Laufes wie auch vom treffenden Namen – dieser stammt von einem Motorradrennen, das einst in Leverkusen stattgefunden hat – sofort begeistert und unterstützte die Veranstaltung von Beginn an. „Den Namen schlug Hans Schlegel vor“, sagte Dachrodt. „Er fand schnell unsere Zustimmung.“
Bei der Premiere 1978 kamen 200 Teilnehmer ins Ziel. Schon zwei Jahre später war die Zahl der Finisher auf 500 angewachsen. Vieles wurde zu dieser Zeit noch per Hand gemacht. „Um die Kosten niedrig zu halten, haben wir sogar die Startnummern selbst angefertigt“, erzählte Dachrodt und dachte in diesem Zusammenhang auch an ein Jahr zurück, als es stark regnete: „Da klebten die Zettel, die wir im Ziel von den Nummern abrissen und aufspießten, später so stark aneinander, dass wir sie nur mit viel Mühe wieder auseinander brachten. Deshalb dauerte die Auswertung mehrere Wochen, die Läufer wurden schon ungeduldig.“
Doch ansonsten war der Lauf stets bestens organisiert, was sich schnell herumsprach und die deutschen Top-Läufer anlockte. „Der Straßenlauf war immer wie eine kleine Deutsche Meisterschaft auf höchstem Niveau. Der Szene diente das Rennen als Bestandsaufnahme nach dem Wintertraining“, meinte vor einigen Jahren der zweimalige 3000-Meter-Hallen-Europameister Karl Fleschen aus Leverkusen, der den Lauf in den 80er Jahren wie Streckenrekordler Christof Herle (Waldkraiburg) dreimal gewann.
Die Wiederaufnahme des Rennens 1995 nach vier Jahren Unterbrechung war Paul Heinz Wellmann zu verdanken. Der 1500-Meter-Olympiadritte von Montreal hatte gerade die Geschäftsführung der Leverkusener Leichtathletikabteilung übernommen und machte sich gleich für den Lauf stark.
Beim Neubeginn lagen die Teilnehmerzahlen zuerst allerdings deutlich unter denen von vor 1991. Doch mittlerweile ist das ganz anders. Nur der Streckenrekord bei den Männern ist noch unberührt. Die 28:24,1 Minuten von Christof Herle aus dem Jahr 1985 scheinen wie in Stein gemeißelt. „Ich denke, die Strecke war früher noch einen Tick schneller als heute“, sagt Karl Fleschen und liefert einen Erklärungsansatz, warum bisher kein Sieger mehr in die Nähe von Herles Leistung kam. „Damals war fast kein Höhenunterschied auf der Runde, heute sind es einige Meter.“ Bei den Frauen sind Sonja Oberems 32:29 Minuten aus dem Jahr 2000 unerreicht geblieben.