Linda Stahl - "Einfach Wahnsinn"
EM-Gold für Linda Stahl. Mit einem Sensationswurf auf 66,81 Meter, einer neuen persönlichen Bestleistung, schockte die Leverkusenerin in Barcelona (Spanien) die höher eingeschätzte Konkurrenz. Die ersten Reaktionen der Speerwerferin lesen Sie im Interview.
Linda Stahl, herzlichen Glückwunsch zum EM-Titel. Was sagen Sie dazu?
Linda Stahl:
Eigentlich kann ich noch nichts sagen, weil ich das noch gar nicht
realisiert habe. Das war einfach Wahnsinn heute, ich habe einen
getroffen, von dem ich wahrscheinlich noch nicht einmal geträumt habe.
Persönliche Bestleistung - das war einfach super.
Was war an dem Siegwurf so gut?
Linda Stahl:
Was ich anders gemacht habe ist, dass ich meinen Arm oben gelassen
habe. Die Speerspitze ist nicht weggegangen, was beim Gegenwind noch
besser ist. Mein Trainer hat mir die ganze Zeit gesagt, dass ich es so
machen soll. Jetzt hat es mal geklappt und der Speer ist weit geflogen.
Ich kann mich aber nicht mehr genau erinnern, wie der Wurf war. Dazu
war ich zu aufgeregt.
Wie haben Sie den Wettkampf bis zum fünften Versuch eingeschätzt, der dann Ihre Siegesweite brachte?
Linda Stahl:
Im Dritten habe ich 63,17 Meter geworfen, das war für mich schon
Saisonbestleistung und damit lag ich auf dem dritten Platz. Da wusste
ich, dass der Wettkampf gut wird und ich vielleicht einen raushauen
könnte. Ich hatte das Glück und der ist ziemlich lang geflogen.
Hat Sie der Regen vor dem Wettkampf beeinflusst?
Linda Stahl:
Das Einwerfen war deprimierend, weil es so nass war. Es hat sich auch
jemand hingelegt, weil so eine große Pfütze da war. Ich war froh, dass
mein Trainer eine Regenjacke dabei hatte. Die hat er mir geliehen. Wir
waren trotzdem alle total durchnässt. Als wir ins Stadion gegangen
sind, kam die Sonne aber wieder raus und alles war okay.
Was haben Sie gedacht, als Sie plötzlich vorne lagen?
Linda Stahl:
Ich
habe gedacht: Warum kann der Wettkampf nicht schon vorbei sein? Ich war
so nervös, viel mehr als vor jedem einzelnen Wurf. Ich habe fast
vergessen, dass ich noch einmal werfen muss. Ich konnte es nicht
realisieren. Dafür hat die Zeit und die Ruhe gefehlt.
Haben Sie im Wettkampf schon früh gemerkt, dass es für eine Medaille reichen könnte?
Linda Stahl:
Bei den ersten beiden Versuchen hatte ich etwas Pudding in den Beinen,
deswegen kam da nicht ganz so viel raus, aber nach dem 63er hatte ich
das Selbstvertrauen, dass ich noch einmal einen raushauen kann. Dass
der dann so fliegt, ist natürlich Glück in dem Fall.
Hatten Sie vorher an eine Medaille gedacht?
Linda Stahl:
Fit war ich. Aber ich habe die Saison über noch nicht so weit geworfen,
dass ich mich zu den Medaillenkandidaten gezählt hätte. Ich hatte ein
bisschen Stress in der letzten Zeit, mit dem Studium. Aber wir haben
Semesterferien und ich konnte mich noch ausruhen. Wir haben natürlich
auf den Saisonhöhepunkt hintrainiert. Klar wusste ich, dass ich 65
Meter werfen kann, wenn es läuft. Aber dass es jetzt fast 67 Meter
geworden sind, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.
Hat Ihnen Ihre Vorgängerin Steffi Nerius etwas vor dem Wettkampf mit auf dem Weg gegeben?
Linda Stahl:
Sie hat uns allen viel Glück gewünscht und das hatte ich auch heute.
Nach der Qualifikation hat sie zu mir gesagt, dass ich mir aus meinen
57 Metern nichts machen soll. Das Finale zählt.
Möchten Sie der deutschen Konkurrenz zeigen, dass Sie die Nachfolgerin von Steffi Nerius sind?
Linda Stahl:
Klar möchte ich an ihre Erfolge anknüpfen. Aber jeder geht
seinen eigenen Weg, ich auch. Ich bin mit meinem Studium bestimmt
jemand, der aus der Rolle des Sportlers rausfällt. Für mich steht das
Studium an erster Stelle und dann kommt erst der Sport. Christina
Obergföll hat bisher eher die Rolle gespielt. Deshalb habe ich in den
letzten Würfen auf sie geschaut, weil ich wusste, dass sie weiter
werfen kann.
Das Interview führte Peter Bock und Jan-Henner Reitze für leichtathletik.de.
